Günter von Lonski






 

Rolf-Wilhelms-Literaturpreis 2010

RatzFatz

Ratz stellt ihr Mountainbike ab und setzt sich auf die Bank unter der doppelten Kugellaterne. Es ist ruhig in Hamelns Osterstraße. Sie öffnet ihren Laptop, tippt auf die Tasten. Ihr Blick steigt die Renaissance-Fassade des gegenüberliegenden Hauses hinauf. Ein Schriftzug aus Neonröhren: Dr. Diekmann Marketing. Hinter dem Fenster im dritten Stock steht ein älterer Mann. Für einen Moment treffen sich ihre Blicke. Ratz lächelt, ihr Nasenpiercing blitzt in der Sonne.
„So gut möchte ich es auch haben“, sagt der Mann am Fenster zu seinem jüngeren Kollegen. „Entspannt in der Sonne sitzen und ein bisschen auf dem Laptop rumtippen."
„Noch acht Monate, und du kannst dich dazu setzen!“
„Noch sieben Monate und elf Tage!“ König setzt sich vor seinen Bildschirm. „Hast du das auch?“
„Was?“
„Die Schrift auf deinem Bildschirm?“
„Nein … doch, jetzt habe ich es auch.“ Schneider liest: „Ratz is good for You!“
„Aha“, sagt König, „ganz schön pfiffig. Und wie kriegt man das wieder weg?“
„Bin ich Programmierer? Ich hol mir erst mal einen Kaffee.“
„Bring mir einen mit!“ König starrt auf den Bildschirm, hat eine Idee, geht zum Fenster. Die junge Frau mit dem Laptop sitzt noch immer auf der Bank, schaut wieder herauf, klappt ihren Laptop zu. Blitzschnell dreht sich König zu seinem Bildschirm um, die Schrift ist weg. Die
junge Frau setzt sich auf ihr Mountainbike und stößt sich mit der Hand von der Laterne ab. Ihr knallrotes Haar leuchtet gegen das trübe Wetter. Sie winkt einen kaum wahrnehmbaren Gruß zum Fenster hinauf. Erste Regentropfen fallen auf die grauen Pflastersteine.
„Und?“ Schneider kommt mit dem Kaffee zurück. Hinter ihm Dr. Diekmann. Er lässt sich Schneiders Geschichte von König bestätigen. „Meine Herren, da gibt es gar nichts zu beschönigen“, meint Dr. Diekmann, „das ist Computer-Piraterie. Jedes Jahr entstehen der deutschen Wirtschaft Schäden in Millionenhöhe.“ König schaut zum Fenster hinaus. Dr. Diekmann steigert sich. „Sehen Sie doch selbst, meine Herren. Wertvolle Arbeitszeit ist verloren gegangen. Und wenn sie die auf einen Monat umrechnen oder sogar ein Jahr! Das ist kriminell. Da muss
gnadenlos durchgegriffen werden. Ich werde sofort die Polizei verständigen, um dem Hacker das Handwerk zu legen.“
„Der Hackerin“, sagt König.
„Eine Frau?“ Dr. Diekmann schüttelt den Kopf. „Mein Gott, wo fängt das an, wo hört das auf?“ Er verschwindet wieder in sein Büro.
Kaum hat er sich zurückgezogen, erscheint erneut der Schriftzug: Ratzisgoodforyou. Und von da an alle zwei Stunden. Die Marketingaufträge müssen warten.
Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Alle zwei Stunden: Ratzisgoodforyou. Und Dr. Diekmann ist außer Haus.
„Wir brauchen einen Plan“, sagt Schneider.
„Ich hab einen.“ König postiert sich am Fenster und braucht nicht lange zu warten. „Die schnapp’ ich mir!“ König ist schon zur Tür hinaus, bevor ihn Schneider mit „Soll ich helfen?“ erreichen kann.
Sie sitzt auf der Bank. Er setzt sich zu ihr. Sie klappt ihren Laptop zu. König schaut sie an. Eine andere Generation, denkt König, frech, kreativ und dreist. „Warum?“, fragt er nach einer Weile.
„Ich brauche einen Job.“ Sie trägt eine Sicherheitsnadel im Ohr.
„Wie wäre es mit einer ordentlichen Bewerbung?“
„Hab’ nur Hauptschule, aber Fortbildungskurse und fünf Praktika. Marketing würde mich echt interessieren.“
„Der Chef ist heute nicht da.“
„Chefs sind nie da, wenn man sie sprechen will.“
„Morgen um elf? Ich werde ihm den Termin unterjubeln.“
Sie lächelt, steigt auf ihr Mountainbike und rauscht ab.

„Schlau eingefädelt“, sagt Dr. Diekmann, als er Königs Terminwunsch bestätigt, „einfach genial.“
Um fünf vor elf erscheint Ratz, ohne Piercing. Sie begrüßt den Chef, König steht am Fenster. „Haben Sie uns diese tolle Überraschungen auf die Bildschirme gezaubert?“, fragt Dr. Diekmann.
„Eine meiner leichtesten Übungen“, sagt Ratz ein wenig verlegen.
Da geht die Türe auf und zwei Polizisten kommen herein. Ratz dreht sich blitzschnell zu König um, König hebt ratlos die Schultern. Die Polizisten nehmen Ratz mit.
Dr. Diekmann ist zufrieden. Auch sein neuer Kunde aus der Sanitärbranche hat angebissen. König soll bis zum nächsten Tag eine Kampagne für ihn entwickeln.
König setzt sich vor den Bildschirm, öffnet einen neuen Ordner. Er hat ein ziemlich flaues Gefühl in der Magengegend. Er nennt den Ordner Klo und Co.
Da erscheint oben am Rand des Bildschirms eine kleine rosa Nase, dann ein grauer Körper und schließlich ein langer rosa Schwanz. Zentimeter um Zentimeter schiebt sich die Ratte den Bildschirm hinunter, ihr folgen zwei, acht, zwanzig, hunderte von weiteren Ratten. Sie verdunkeln den ganzen Bildschirm, schieben sich über den Schreibtisch, verdunkeln auch Schneiders Bildschirm und scheinen die ganze Agentur besetzen zu wollen.
Schneider holt sich einen Kaffee, Dr. Diekmann kommt, betrachtet sich die Bescherung. Er sieht König an. „Vielleicht sollten wir unsere Anzeige zurückziehen und ihr ein Praktikum anbieten?“
„Zumindest ein Volontariat.“
Dr. Diekmann scheint zu überlegen. „Sie stehen uns doch nur noch ein paar Monate zur Verfügung?“
„Sieben Monate und neun Tage.“
„Rufen Sie diese Ratz an, aber fatz!“


© Günter von Lonski, Hemmingen, Oktober 2009
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